Alte Liebe rostet nicht – oder doch?

Das ist so schön: Wenn man als Paar schon viele Jahre zusammen ist, wenn man sich gut kennt und im Alltag gut funktioniert, dann wird es auch zukünftig gut weitergehen, bis dass der Tod uns scheidet.
Wenn eine Liebe schon einige Jahre läuft, dann setzt sich kein Rost drauf. Und das bisschen, was schon da ist, ach, das wird schon irgendwie wieder weg gehen.
Alles gut – wenn der Blick in die Wirklichkeit nicht etwas vielschichtiger wäre.

Alte Liebe rostet nicht.

Was sich bis hierhin bewährt hat (mit allen Höhen und Tiefen), wird sich auch zukünftig bewähren, schließlich ist man ja noch zusammen. Eigentlich eine seltsame Logik. Man geht man stillschweigend davon aus, wenn etwas im Alltag stets gefordert ist, es deswegen automatisch lebendig bleibt. Rost setzt sich dort an, wo etwas länger nicht mehr bewegt wird. Eine Türangel, die ständig in Benutzung ist, rostet nicht.
Das wäre ja in etwa so, als ob ich sagen würde: Eine Gelenkwelle schmiert sich durch ständigen Gebrauch selbst.
Überzeugt Dich das?

Bedeutet „bewährt“ gleich „gut geschmiert“?

Paare in Familienbetrieben, die bereits einige Jahre zusammen sind, haben schon viel miteinander erlebt und gestemmt: Kinder erzogen, den Betrieb weiterentwickelt und ausgebaut, haben Stürme des Lebens überstanden.
Erlaube mir die Frage: Ist das ein Ausdruck von tiefer inniger Verbundenheit, von offener vertrauensvoller Kommunikation, davon, dass man eine gute Streitkultur hat, einander wertschätzt, Bedürfnisse aussprechen kann oder respektvoll Grenzen setzt?
Oder hat man es einfach nur irgendwie geschafft, bis hierhin zu überstehen?

Leider sieht es oft so aus, dass es neben dem funktionierenden Alltag auch Stress und Unbehagen miteinander gibt, destruktives Streiten am Küchentisch oder im Bett (wann sieht man sich sonst?), Erschöpfung, Unsicherheit und Entfremdung. Ratlosigkeit und Enttäuschung führen oft zu emotionaler und körperlicher Distanz. „Wir haben uns auseinander gelebt“ heißt es dann schulterzuckend und mit leisem Seufzer.

Ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit kommen wieder hoch, wenn der permanente Druck der Rush Hour nachlässt. Oft ist es der Moment, wo die Kinder groß werden oder sie das Haus verlassen, dass Paare sich überrascht anschauen und sich fragen: „Wo ist eigentlich das geblieben, weswegen wir zusammengekommen sind?“ Oder jeder fragt sich selbst: „Wer ist eigentlich dieser Mensch, mit dem ich Alltag, Tisch und Bett teile?
Es gibt eine hohe Scheidungsrate in dem Alter zwischen 45 und 55.
Wenn das kein Rost ist, der die Beziehung unbeweglich macht und die Liebe zerfrisst.
Und nun? Entrosten, neues Spiel, oder einfach weiter so?

Gefährliche Schlussfolgerungen

Einfach so weiter? Hat ja bisher auch irgendwie geklappt. Außerdem: „Wenn ich gestern gewusst hätte, wie ich es anders machen sollte, hätte ich es doch getan. Heute bin ich zwar einen Tag älter, aber in diesem Zusammenhang nicht schlauer. Was könnte ich heute schon anders machen?“
Es nutzt nicht, das Problem in die Zukunft zu delegieren nach dem Motto: Das wird schon wieder. Das ruckelt sich schon zurecht. Wenn die Kinder grösser, der Betrieb etablierter, die Schweinepreise wieder besser sind, dann wird auch die Beziehung wieder gut werden, ganz von alleine. Denn: Alte Liebe rostet nicht.

Aber will ich das? Hat sich die alte Liebe in dieser Weise bewährt? Ist es das, was ich weiterführen will? Oder will ich etwas anderes? Wie möchte ich, dass die Zukunft sein soll?

Selbstverständlich lässt sich die Vergangenheit häufig mit relativ wenig Energieaufwand einfach so weiterführen. Der Weg des geringsten Widerstandes führt aber immer bergab. Das älter werden, das gemeinsame Weitergehen ist kein Selbstläufer, sondern will bewusst gegangen werden.
Es wird nicht von alleine wieder gut. Man muss schon etwas dafür tun. Aber was?

Eine neue Liebe?

Sollte die verschlissene Gelenkwelle vielleicht besser durch eine neue ersetzt werden, anstatt mühsam an ihr herum zu reparieren? Ist es bei verfahrenen Beziehungen nicht besser, unter veränderten Bedingungen mit einem neuen Partner oder Partnerin die Chance zu bekommen, neu anzufangen und es besser zu machen?
Allzu oft kann man beobachten, dass Probleme in einer Partnerschaft, aus der man sich löst, in einer neuen Beziehung wieder auftauchen und auch dort zum Scheitern führen können, wenn man nicht bereit ist, genau an diesen Problemstellen sich weiterzuentwickeln. Auch eine neue Gelenkwelle schmiert sich nicht selbst. Nur weil mein Gegenüber ein anderer Mensch ist, bin ich das noch lange nicht.
Eine neue Beziehung kann nur anders werden, wenn sich die Partner anders verhalten, wenn sie bereit sind, neues zu lernen und dafür auch problematische Themen anzuschauen und zu bearbeiten.

Doch genau das geht auch mit der alten Liebe. Bewährtes lässt sich ja entrosten, schmieren und von nun an gut pflegen.
An dieser Stelle kommt der Vergleich mit einer Gelenkwelle an seine Grenzen: Eine Gelenkwelle kann sich nicht regenerieren. Das ist bei Menschen anders. Wunden können vernarben, Verletzungen heilen. Es kann verstanden und verziehen werden. Vertrauen kann wieder wachsen. Es kann einem gelingen, was einem bislang versagt geblieben ist.

Hast Du schon alles probiert?

Bevor man seine alte Liebe auf den Schrotthaufen wirft, lohnt die Frage:  „Hast du schon alles probiert?“
Da muss ich aus meiner Erfahrung mit reifen Paaren sagen, in den meisten Fällen wurde noch nicht alles probiert, noch lange nicht. Viele Paare, die verrostet und erschüttert aus der Rush Hour herauskommen und sich verunsichert und irritiert umschauen, hatten auf dem bisherigen Weg entweder nicht die Gelegenheit oder hatten es nicht gelernt, gründlich und systematisch ihre Beziehung zu pflegen.
In meinen Augen geht es nicht darum, den Partner oder die Partnerin zu wechseln und mit neuen Menschen das gleiche Spiel zu spielen. Sondern mit dem gleichen Menschen ein neues Spiel zu beginnen.
Eine „neue Liebe“ kann eben auch heißen: „Komm, wir machen es anders. Damit starten wir heute.

Beziehung braucht regelmäßige Pflege

Es liegt ein großer Schatz in reifen Beziehungen. Erfahrungs-Schatz und Lebens-Schatz. In der gemeinsamen Zeit, zusammen erlebten Momenten, sowohl die schönen wir die herausfordernden, in der Vertrautheit einander sehr gründlich zu kennen. Meistens nimmt mit zunehmenden Alter die innere Ruhe und äußere Gelassenheit zu. Jeder Sturm, den man überstanden hat, kann einen standfester machen.
Die Frage lautet, ob der Schatz vergraben ist unter Verletzung und Enttäuschung? Oder ob man nur nicht genau hinschaut und übersieht, welche Schätze vorhanden sind?
Oft wird versäumt, diesen Schatz herauszuholen, das Kostbare zu putzen und zu polieren, und es dann gut sichtbar hinzustellen.

Wer Tiere hält, hat die Verantwortung sie zu füttern und sie gut zu halten. Ein neuer Schlepper glänzt, man steigt ein und arbeitet mit ihm, es macht Spaß. Aber spätestens wenn der Tank leer ist, muss man selber etwas tun. Der klare Kopf sagt: Natürlich muss ich ihn pflegen, soll er lange halten und zuverlässig seinen Dienst verrichten.
Aber die Liebe soll einfach so laufen, Jahre lang?
Eine Partnerschaft braucht Zuwendung. (Man selber übrigens auch). Eine Beziehung muss regelmäßig gepflegt werden. Sie muss bewusst und absichtsvoll gestaltet werden, soll sie so werden, wie es sich die Partner wünschen. Von alleine wird das nicht. Das ist wie mit einem Garten. Von alleine wächst Unkraut.

Eine lebendige Partnerschaft

Wenn Du eine lebendige Partnerschaft willst, dann tue folgendes:

  • Übernimm volle Verantwortung für Dich und für Deine Emotionen. Dafür, wie Du reagierst, wie Du Deinen Tag gestaltest, mit welcher Haltung Du durch das Leben gehst, welche Impulse du setzt.
  • Wertschätze Gelungenes, bei Deiner Partnerin / Deinem Partner, und bei Dir selbst.
  • Redet miteinander! Über persönliches, Gefühle, Bedürfnisse, Sorgen, Enttäuschungen. Achtsam und sanft. Von sich sprechen und dem anderen gut zuhören. Man kann gar nicht genug miteinander reden!
  • Entwickelt zusammen eine konstruktive Streitkultur. (Wie das geht steht in meinem Buch „Handbuch Konstruktives Streiten“).
  • Sei groß. Stehe zu Fehlern, Macken, Gewordenem. Entschuldige Dich und verzeihe. Mach es in Zukunft besser. Entwickele Dich!
  • Unterstütze Dein Gegenüber darin, groß zu sein. Sei tolerant mit Schwächen, stärke Stärken. Fordere ihn oder sie auf, sich zu entwickeln.
  • Nehmt euch regelmäßig Zeit für euch. Zum reden, spaziergehen, kuscheln, ausgehen, was Schönes machen…

Zum Abschluss noch ein Rat:
Ich rate jungen Paaren: Fangt mit der Pflege eurer Beziehung rechtzeitig an. Etabliert regelmäßige geschützte Zeiten für die Partnerschaft, für Schönes und für Schwieriges. Lasst es zur Routine werden. Es lohnt sich!
Und reifen Paaren rate ich: Fang jetzt an und definiert eure Zukunft neu oder anders. Fangt jetzt an euch um euch und um eure Beziehung zu kümmern, respektvoll, wertschätzend und behutsam. Es ist so vieles möglich, wenn ihr es nur wollt und gemeinsam anpackt! Und wenn ihr alleine nicht weiterkommt, holt euch Unterstützung.

 

Wer das als Paar konkret angehen will, für den ist das Seminar „Mal raus!“ das Richtige…
Hier geht es zu dem Seminar≫

 

Pflegt euch gut in eurem Familienbetrieb!
Peter Jantsch

 

 

Foto: Peter Jantsch

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Peter Jantsch

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