Wer ist der Chef?

Ich möchte Dir heute eine Frage stellen: Wer ist bei euch eigentlich der Chef oder die Chefin?
Möglicherweise kommt Dir eine schnelle Antwort in den Sinn. Wenn Du aber etwas darüber nachdenkst, bist Du Dir vielleicht nicht mehr so sicher.
Möglicherweise zögerst Du auch von Anfang an und denkst Dir: „Na ja, am Acker bestimme ich, im Melkstand überwiegend ich und im Kälberstall aber meine Frau.
Oder Du denkst: „Mein Mann fällt die wichtigen Entscheidungen, ich kümmere mich um den Haushalt und den Rest.
Und spätestens dann wirst Du vielleicht anfangen unruhig auf deinem Stuhl herumzurutschen oder die Stirn in Falten zu legen und zu denken: „Na, so eindeutig ist es ja nicht“, und genau darum geht es heute: So eindeutig ist es eben nicht.

Bestimmt kennst Du Situationen wo Unklarheiten bei den Rollen oder Zuständigkeiten zu Missverständnissen, Konflikten oder Energieverlusten führen. Manchmal entstehen so sogar echte wirtschaftliche Verluste, weil Arbeiten nicht gemacht werden, sie schlecht gemacht werden oder weil plötzlich die selbe Arbeit von verschiedenen Personen auf unterschiedliche Weise angegangen werden.
Um Deinen Betrieb effektiv, mit möglichst wenig Reibungsverlusten oder unnötiger Energieverschwendung führen zu können, ist eine Klärung der jeweiligen Rollen und Verantwortlichkeiten unbedingt nötig.

Rollen und Funktionen
Der Betrieb, eure Familie, Deine Partnerschaft, das sind alles Systeme. In einem System hat jeder Beteiligte eine bestimmte Rolle und er oder sie erfüllt für das System bestimmte Funktionen.
Die Rolle einer Person in einem System ist so etwa wie ein Mantel mit Rangabzeichen. Das kann Chef oder Chefin sein, Vater oder Mutter, Schwiegertochter, Facharbeiter*in, Auszubildende*r usw. Die Funktion ist das, was diese Person für das System leistet. Das kann sowohl eine Tätigkeit auf der Sachebene sein, z.B. melken, kochen, Buchführung machen oder Verhandlungen führen, es kann aber auch ein Beitrag im sozialen Miteinander sein, z.B. Ruhepol, Ideengeber, Bedenkenträger, Mutmacher sein usw.
Um das Bild vom Mantel mit Rangabzeichen weiterzuführen: Mit einer Rolle geht Macht und Verantwortung einher. Es ist Ausdruck davon, wieviel Möglichkeiten zu gestalten der jeweilige hat, das ist aber gleichzeitig untrennbar damit verbunden, welche Verantwortung er oder sie trägt. Denn Macht verpflichtet.
Wer das Recht und die Möglichkeiten hat, Rahmenbedingungen zu gestalten und maßgeblich Einfluss auf Prozesse und Ressourceneinsatz nehmen kann, der trägt gleichzeitig die Verantwortung dafür zu sorgen, dass Ressourcen vorhanden sind und sie sinnvoll und effektiv eingesetzt werden. Der Chef bzw. die Chefin ist also verantwortlich dafür, dass die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, bestmögliche Ergebnisse abliefern zu können. Der oder die Mitarbeiter*in muss sich darauf konzentrieren, bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, braucht sich dafür aber keine Gedanken über die Rahmenbedingungen machen. Eine kluge Arbeitsteilung.

Mehrere Rollen gleichzeitig
In einem Familienbetrieb ist es dabei typisch, dass jede Person in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene Rollen oder Funktionen einnimmt. Das macht es spannend und abwechslungsreich, leider eben auch zuweilen sehr kompliziert.
Denn jede*r hat oft gleichzeitig mehrere Rollen inne, die sich zum Teil eben auch widersprechen können. Zum Beispiel kann es Situationen geben, da ist man gleichzeitig Chef oder Chefin im Stall, hat mit seinem Ehemann oder Ehefrau zu tun, und das gemeinsame Kind ist auch noch mit dabei. Das gemeinsame Kind ist dabei zum Hofnachfolger bzw. Hofnachfolgerin heranzuwachsen. Es hat dabei möglicherweise einen Rollenkonflikt mit seinen Chefs, während es gleichzeitig Kind von Vater und Mutter ist.
Es kann einen Rollenkonflikt geben zwischen Ehemann und Ehefrau bezüglich ihres Miteinanders als Paar und es kann einen Rollenkonflikt geben zwischen Vater und Mutter hinsichtlich der Erziehung des gemeinsamen Kindes.

Innerer Rollenkonflikt
Es kann aber auch in einem selber einen inneren Konflikt geben zwischen verschiedenen Rollen.
Beispielsweise bist Du am Melken und willst am Abend noch auf eine Veranstaltung gehen, die Dir wichtig ist, die beginnt aber schon um 19:00 Uhr. Dann bist Du gleichzeitig Facharbeiter*in, der/die gerne rechtzeitig mit dem Melken fertig sein möchte und genau weiß, an welchen Stellen man Zeit einsparen kann. Du bist aber auch Chef*in, der/die wiederum um die Bedeutung von sauberem und hygienischen arbeiten weiß. Der/die Unternehmer*in Dir wiederum fragt sich möglicherweise schon länger, ob das Melken von 120 Kühen im Doppelsechser überhaupt noch Zukunft hat, ob man nicht die Kühe abschaffen oder doch aufstocken und auf Roboter umsteigen sollte. Das kann eine vernünftige Überlegung für die Zukunft sein und liebst Du den direkten Kontakt mit den Kühen und das Arbeit im Melkstand.

Bei uns ist das nicht so kompliziert!
Vielleicht möchtest Du abwinken und sagen: „Mach mal halblang. Bei uns ist das nicht so problematisch. Der Betrieb ist der Chef und wir sorgen dafür, dass es läuft.
Ich kann das Gefühl verstehen, schließlich ist man ja kein riesiges Unternehmen und außerdem liebt man seine Freiheit als „freier Mann auf freier Scholle“. Da muss man das doch nicht so kompliziert machen.
In einem Familienbetrieb gibt es aber Rollen und Funktionen, ob man will, oder nicht. Wenn das bisher noch nicht als problematisch aufgefallen ist oder es deswegen noch keine Konflikte gegeben hat: Alles gut.

Aber wenn in Deinem Betrieb oder in der Familie immer wieder Konflikte auftreten, die Du nicht so richtig erklären kannst, oder ihr geratet wegen scheinbarer Lappalien immer wieder in Streit, dann kann es sich lohnen mal die Forscher-Brille aufzusetzen und auf die Suche zu gehen nach Rollen und Zuständigkeiten, und danach, wer trägt offiziell die Verantwortung und wer entscheidet eigentlich wirklich.

Klarheit hilft
Die Klärung dieser Zuständigkeiten ist notwendig um effektiv und entspannt arbeiten zu können.
Im Idealfall habt ihr sogenannte Arbeitsplatzbeschreibungen. Darin wird beschrieben, wer für was verantwortlich und zuständig ist (und für was nicht), welche Entscheidungshoheiten oder Verpflichtungen diese Rolle hat und auch, wer wem weisungsgebunden ist oder wer was wissen muss, um seine Rolle gut ausführen zu können.
Wie man so eine Arbeitsplatzbeschreibung konkret macht, dazu werde ich nochmal später einen Blogartikel schreiben. Im Augenblick möchte Deine Aufmerksamkeit darauf lenken zu verstehen, wie wichtig Rollenklarheit ist, weil so ein großes Konfliktpotenzial darin liegt, dass man in einem Familienbetrieb oft so viele Rollen gleichzeitig inne hat.

Also: Schau genau hin. Mach es transparent. Bei dem, was man nicht sieht, stochert man ziellos im Nebel. Aber über das, was offen liegt, kann man reden und es gegebenenfalls verändern.

Sei glücklich in Deinem Familienbetrieb
Peter Jantsch

PS: Vielleicht möchtest Du auch zu mehr Klarheit finden, was eure Rollen in eurem Betrieb sind? Ich biete dazu ein online-Seminar an. Am besten nehmt ihr als Paar teil.

Zum Seminar Rollenklarheit im Familienbetrieb

 

Fotos: Pexels: Iurii Ivashchenk; Pixabay: Nel Botho

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Peter Jantsch

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