Wenn es zwischen Tür und Angel kracht…

Es ist Frühling. Es ist viel los. Der erste Siloschnitt steht an, der Mais wird gelegt, alles passiert gleichzeitig. Hektik. Stress. Es muss schnell gehen!

Alle sind angespannt. Zwischen Tür und Angel müssen Absprachen getroffen oder mal eben etwas geklärt werden, Pläne müssen kurzfristig geändert oder schnellschnell etwas geholt werden. Und plötzlich knallt es, das geht blitzschnell. Es fallen die falschen Worte, ein Wort gibt das andere und man hat einen kleinen fetten Streit. Und das in einem Moment, wo ein gut laufendes Miteinander besonders wichtig ist.

Was können wir tun, um bei Druck, Stress oder Zeitnot zu verhindern, dass es knallt?

Marion sitzt erschöpft am Küchentisch. Zum ersten Mal and diesem hektischen Tag findet sie fünf Minuten für eine ruhige Tasse Kaffee. Homeschooling, Kälber versorgen, für Schwiegermutter ein Medikament aus der Apotheke holen, den Tierarzt anrufen, den Auszubildenden trösten, den Streit der Jungs schlichten, kochen, und was halt so alles anfällt. Eben hatte sie noch den Mittagstisch abgeräumt und den Boden gewischt, der ihr schon seit Tagen ein Greul war, da stürzt Jürgen in Gummistiefeln rein, schüttet sich eine Tasse Kaffee ein und sagt atemlos zu ihr:

„Du musst in den Stall gehen und bei der Geburt helfen. Der Tierarzt ist gekommen. Ich muss den Hänger zum Feld fahren.“

„Ich muss jetzt gar nichts außer diese Tasse Kaffee trinken.“

Jürgen schaut sie entgeistert an.

„Dir ist wohl unser Betrieb egal.“

Matt entgegnet sie: „Wie es mir geht ist dir wohl sch***egal.“

Jürgen kippt den Kaffee in die Spüle. „Mein Gott, kannst du nicht einmal einfach das tun, worum ich dich bitte? Immer muss ich alles alleine machen!“ Türen knallend verlässt er den Raum. 

Es ist nur dieser Moment.

Solche Szenen passieren, vielleicht hast Du auch schon mal so etwas ähnliches erlebt, egal ob aus Marions oder Jürgens Sicht. Wenn Du das jetzt so liest, schüttelst Du vielleicht den Kopf über die beiden, aber wenn Du in so einer Situation drin steckst, da schüttelst Du nicht einfach den Kopf, da möchtest Du heulen, weglaufen oder dreinschlagen. Dabei wäre kopfschütteln vielleicht sogar die beste Reaktion für diesen Moment. Auch wenn Stress, Erschöpfung und Unzufriedenheit da sind… der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, hat nicht das Fass gefüllt. Das waren andere Dinge. Nimm also diesen Moment nicht als Abbild des ganzen Lebens, sondern nur als das, was er ist: Dieser Moment.

Kopfschütteln wäre auch deswegen hilfreich, weil es hilft, sich von dem Geschehen ein wenig zu distanzieren. „Nicht ärgern, wundern,“ sagt eine Redensweise. Es könnte hilfreich sein, wenn Du Dich darüber wunderst, was in dieser stressigen Situation gerade abgeht, wo ihr doch normalerweise ganz vernünftige Leute seid. Aber auch dafür gibt es eine vergleichsweise simple Erklärung: Gerade unter Stress, wenn die Kräfte aufgebraucht sind oder die Seele wund ist, fehlt der Puffer, um Missstimmung oder blöde Worte abzufedern. Es gelingt nicht, aus dem Gesagten das Eigentliche herauszulesen. Dann gehen die Worte ungefiltert in Dich hinein. Sie können dabei eine Wucht entfalten, die sie nicht hätten, bist Du ausgeglichen oder stark.

Wundgescheuert

Es ist aber so: Wenn Du wundgescheuerte Schultern hast, tut selbst ein T-Shirt weh. Das T-Shirt ist aber nicht schwerer als sonst. Und egal, ob Du der oder die bist, die schreit, oder der oder die bist, die angeschrien wird, es ist gut das zu wissen und es hilft Dir vielleicht, in solchen Situationen gesagte Worte nicht auf die Goldwaage zu legen. Sie beschreiben mehr die Situation und weniger die beteiligten Personen.

Also: Staune. Wundere Dich. Du kannst auch traurig sein. Aber urteile nicht. Nicht über Dein Gegenüber, und auch nicht über Dich selbst.

Verlangsamen

Wenn es zwischen Tür und Angel brenzlig riecht, ist das wichtigste, was Du tun kannst, zu verhindern, dass es knallt. Solche Situationen haben ein großes Potential für Eskalation, ohne dass damit irgendetwas gewonnen wäre. Deswegen ist es wichtig, diese Dynamik zu unterbrechen. Vermeide es, Öl ins Feuer zu gießen. Verlangsame die Situation.

Die beste Methode, um eine Dynamik zu verlangsamen ist, einmal tief durchzuatmen. Für Dich. Nicht hörbar und vorwurfsvoll die Luft zwischen den Zähnen einziehen, sondern ruhig und tief bis in den Bauch ein- und wieder ausatmen. Diese Zeit muss sein, zum Wohle aller Beteiligten. Du verringerst den Druck einer destruktiven Dynamik. Du kannst gerne mal auf die Uhr schauen, das dauert etwa 3 bis 5 Sekunden. Solange es nicht wirklich um Leben und Tod geht, sind diese Sekunden immer drin.

Unterscheide zwischen T-Shirt und wunder Schulter.

Ich weiß, es ist in der Hitze einer Situation unter Druck nicht leicht, aber das lässt sich trainieren: Unterscheide zwischen T-Shirt und wunder Schulter. Um in dem Bild zu bleiben: Es nutzt nichts, nach einem Hemd zu verlangen oder nach einem T-Shirt von einer anderen Farbe. Das Problem sind die wunden Schultern. Es nutzt auch nichts, in der Situation klären zu wollen, wer schuld für die wunden Schultern ist, oder wer was wann hätte anders machen müssen, damit es jetzt nicht weh tut. Das einzige Problem ist in diesem Augenblick zu verhindern dass es knallt, weil das nur verletzend wirkt, ohne dass es die wunden Schultern auf irgendeine Weise heilt.

Worum geht es?

Und dann ist da ja noch die Sachebene. Also das, worum es „eigentlich“ geht: Der Tierarzt ist gekommen und der Anhänger muss zum Feld. Aber, dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass es in dieser Situation gar nicht darum geht. Marion regt sich nicht auf, weil sie es fachlich ablehnt zum Tierarzt in den Stall zu gehen.

Sie hat den ganzen Tag bisher gerödelt und sorgt in diesem Moment für sich, um wieder zu Kräften zu kommen. Alles das, das Rödeln wie das wieder zu Kräften kommen, geschieht zum Wohle des Betriebes und der Familie. Jürgen, in seinem eigenen Stress gefangen, sieht weder den frisch gewischten Boden und zieht deswegen seine Gummistiefel aus, noch sieht er, dass Marion den ganzen Tag etwas für den Familienbetrieb getan hat, genau wie er, noch dass sie gerade etwas sehr Kluges tut, nämlich einen Moment Pause zu machen, um Kraft zu tanken.

Marion regt sich auf, weil Jürgen ihren Beitrag zum Gelingen nicht sieht und nicht würdigt.

Geeigneten Moment suchen

Aber DIESES Fass aufzumachen, in einer Situation wo Stress besteht, da würde es nicht nur knallen, da könnte es zu einer Explosion kommen. Da könnten dann Worte fallen, die schwer verziehen oder wieder eingefangen werden könnten.

Das Gespräch darüber, das Jürgen Marions Beitrag zum großen Ganzen nicht anerkennt, muss geführt werden, aber nicht in diesem Moment. Genauso wie ein Gespräch darüber, was man tun kann, um nicht wunde Schultern zu bekommen. Jedenfalls nicht so stark und nicht regelmäßig. Das benötigt aber einen geeigneten Rahmen und ausreichend Zeit. Vielleicht sogar die Unterstützung eines neutralen Dritten, wenn es gilt tiefergehende Konflikte anzufassen.

Aber in der akuten stressigen Situation ist es besser, dieses Fass nicht anzurühren. Das muss man ansprechen, wenn der akute Stress vorbei ist. Dann ist es gut, das Fass vorwurfsfrei zu beschreiben (ohne es aufzumachen). Dann kann schon mal Verständnis füreinander wachsen.

Marion: „Ich kann verstehen, dass du so unter Stress in die Küche kamst und einfach nur wolltest, dass der Stress abnimmt. Da ist es naheliegend mir zu sagen, ich solle in den Stall zum Tierarzt gehen. Ich kann verstehen, dass es dich dann noch zusätzlich gestresst hat, als ich nicht so reagierte, wie du dir das in dem Moment von mir gewünscht hast.“

Jürgen: „Ich kann verstehen, dass es dich genervt hat, dass ich mit Gummistiefeln in die Küche reingelaufen bin, ohne den frisch gewischten Boden zu bemerken. Und dass es dich verletzt, wenn du das Gefühl hast, ich sehe nicht, was Du alles tust für den Betrieb und für uns alle. Ich sehe das schon, aber es stimmt, ich sage dir das wohl zu wenig.“

Wenn es Fässer gibt und diese wohlmöglich schon ziemlich angefüllt oder randvoll sind, dann ist es wichtig diese Fässer zusammen anzugehen. Das könnte dann ein größeres, aber sehr lohnendes Projekt sein.

Wertschätzung als Vorsorge

Damit es in brenzligen Situationen nicht knallt, gibt es noch eine gute Möglichkeit der Vorsorge: Einander Wertschätzen.

Oft wird das gut geölte Miteinander als selbstverständlich vorausgesetzt. Da fällt es dann nur auf, wenn es eben mal nicht gut geschmiert läuft. Dabei sorgt eine Kultur der Wertschätzung für mehr Sicherheit miteinander. Hörst Du oft von Deinem Partner, Deiner Partnerin, oder auch von Familienangehörigen oder Mitarbeitern, dass es gut läuft, dass Du wertvoll bist, dass Dein Engagement gesehen und anerkannt wird, dann fallen ein Streit, eine Kritik oder verletzende Worte nicht in ein leeres Glas und wiegen sehr schwer, sondern sie fallen zu ganz viel Wertschätzung. Dadurch nehmen sie weniger Raum ein. Sie entfalten weniger Wucht, denn da ist ja auch noch sehr viel Wertschätzung.

Wertschätzung tut beiden gut, demjenigen, der oder die wertgeschätzt wird, aber auch demjenigen, der oder die wertschätzt. Das tut aber nicht nur im Moment gut, sondern stärkt die gemeinsame Basis und hilft in schwierigen Momenten stabiler dazustehen.

In solchen brenzligen Momenten zwischen Tür und Angel, wenn die Haut dünn, die Kräfte wenig und die Seele wund ist, dann ist es das Wichtigste, unnötigen Schaden zu vermeiden.

Und wie könnte das in der eingangs beschriebenen Szene aussehen?

Marion sitzt erschöpft am Küchentisch. Zum ersten Mal and diesem hektischen Tag findet sie fünf Minuten für eine ruhige Tasse Kaffee, da stürzt Jürgen in Gummistiefeln rein, schüttet sich eine Tasse Kaffee ein und sagt atemlos zu ihr:

„Du musst in den Stall gehen und bei der Geburt helfen. Der Tierarzt ist gekommen. Ich muss den Hänger zum Feld fahren.“

Marion blickt von ihrem Kaffee zu Jürgen und atmet erst einmal sanft tief durch.

Dann sagt sie: „Ui. Da kommt ja gerade alles auf einmal.“

„Deswegen…“

„Ich verstehe, dass du unter Druck stehst, die Situation ist gerade für uns alle anstrengend.“

Jürgen will Luft holen, um etwas zu sagen.

„Komm, setzt dich her und trink deinen Kaffee in Ruhe. Diese Minute geht die Welt nicht unter, und wir müssen zwischendurch auch mal Kraft tanken. Danach gehe ich in den Stall und du fährst den Hänger zum Feld.“

Und nach einem kurzen Moment fügt sie hinzu: „Und wenn der Mais fertig gelegt ist, dann nehmen wir uns mal wieder Zeit für uns.“

 

Sei glücklich in Deinem Familienbetrieb
Peter Jantsch

PS: Wie kann das gehen zu lernen, gerade in den stressigen Momenten zwischen Tür und Angel ruhig zu bleiben und kein Öl ins Feuer zu gießen? Das wollen wir uns gemeinsam erarbeiten in dem online-Seminar “Konstruktiv Streiten unter Stress”.

Hier gibt es mehr Informationen zu dem Seminar

 

Fotos: Freepik: Cookie-Studio; Pexels-Pixabay;

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