Streitet euch stark!

Wovor haben die meisten Menschen Angst, obwohl es zum alltäglichen Leben gehört?
Was verbessert die Beziehung und wird trotzdem gemieden?
Was muss man seltener tun, je besser man es kann?

Die Antwort auf alle diese drei Fragen lautet: Streiten.
Wobei natürlich gutes Streiten gemeint ist, das macht die Sache etwas tricky. Schlechtes streiten kostet viel Kraft, kann extrem wehtun, eine Beziehung zerstören und die Streitbeteiligten klein, verletzt und mutlos zurücklassen. Dabei kann ein konstruktiver Streit genau das Gegenteil bewirken: Auch wenn es nicht angenehm ist, kann es dazu führen, dass Missverständnisse aufgelöst, Situationen geklärt und Störungen bereinigt werden, und dass die Streitpartner kraftvoll, vertrauend und mit gestärkter Beziehung aus dem Konflikt heraus gehen.

Aber wie soll das gehen? Man kann doch nicht etwas, was unangenehm ist, wehtut und das viel Kraft kostet, einfach schönreden?
Nein, schönreden nutzt gar nichts. Darum geht es nicht.
Du musst die Herrschaft über den Streit übernehmen.

Wer beherrscht wen?

Damit ist nicht gemeint, in einem Streit der oder die Dominante zu sein und den Streitpartner oder die Streitpartnerin zu beherrschen. Es geht darum, dass ich den Streit beherrsche und nicht, dass der Streit mich beherrscht.
Ich bin es, der streitet. Das klingt erst mal sehr wenig spektakulär, ist aber die Basis von allem. Ich übernehme die volle Verantwortung für mich: Wie ich empfinde, wie ich reagiere, welche Ziele ich verfolge und wie ich mich entsprechend verhalte. Ich gestalte mein Streiten. Niemand sonst.

Keine Opferhaltung!

Den Streit zu beherrschen, beinhaltet auch die vollumfängliche Übernahme der Verantwortung für mich, wie ich mich in dem Streit fühle. Bin ich ohnmächtig, ratlos, empört und tief getroffen? Fühle ich mich meinem „Gegner“ ausgeliefert und habe keine andere Wahl, als mich zu verteidigen oder blindlings um mich zu schlagen? Sehe ich mich als unschuldiges Opfer den verachtungswürdigen Angriffen eines Gegenübers ausgeliefert? Einen heldenhaften Verteidigungskampf zu führen in dem Wissen, das moralische Recht ist auf der Seite der Gedemütigten und Verletzten, ist eine vergleichsweise leichte Rolle. Sie ist aber nicht hilfreich.
Ich übergebe dem Streitpartner oder der Streitpartnerin nicht die Hoheit über den Streit, weder als Schuldige für das Schlamassel, in dem wir jetzt hocken, noch als Sündenbock für meine Gefühle.
Ich bin Herr oder Frau über meine Gefühle und über mein Verhalten.

Ich bin nicht meine Gefühle.

Die Herrschaft über mich als Streitender zu übernehmen, bedeutet also, dass ich mich dem Konflikt mit geradem Rücken und wachem Blick stelle. Ich übernehme die Verantwortung für meine Reaktionen und wie ich mich verhalte. Ich sehe mich nicht als Opfer, sondern als Gestalter dieses Streits.
Ich streite konstruktiv, indem ich gut für mich sorge und dem Gegenüber so wenig wie möglich schade. Es ist rein meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ich mit so wenig Verletzungen wie möglich aus dem Streit heraus gehe. Es liegt an mir, mich gut gegen das Unangenehme und Verletzende in einem Streit zu schützen. Ich mache nicht den Streitpartner oder die Streitpartnerin verantwortlich für die eigenen Verletzungen, sondern übernehmen dafür selber die Verantwortung.
Denn Worte, so verletzend sie auch sich anfühlen, sie erreichen mich nur als Schallwellen. Das Verletzende dieser Worte geschieht in meinem Gehirn. Das geschieht sehr schnell und fast automatisch, aber eben nur fast. Es lässt sich erlernen, sich von diesen Schallwellen, die einen erreichen, nicht umhauen zu lassen. Ich bin nicht meine Gefühle, ich habe ein Gefühl. Der Unterschied dabei ist: Wer ist Ross – und wer ist Reiter?
Das ist ein Stück Arbeit, aber es geht und es lohnt sich!

Rote Linie

Das alles gilt, solange ein Streit rein verbal ausgeführt wird. Physische Gewalt ist in jeder Form abzulehnen. Das ist ein No-Go, eine rote Linie, die unter keinen Umständen überschritten werden darf. Weder, indem man es aktiv betreibt, noch indem man es zulässt oder duldet.

Wofür streite ich?

Ich verfolge das Ziel, dass es mir und den anderen mir Nahestehenden in Familie und Betrieb möglichst gut geht, denn dann ist das Leben leichter und alle sind leistungsfähiger. Und genau dieses Ziel verfolge ich auch im Streit.
Ein Streit ist kein Unfall, sondern ein ganz normaler Vorgang des Lebensalltags, so, wie sich zu duschen, eine kaputte Lampe zu reparieren, Öl zu wechseln, sich wertzuschätzen, miteinander zu lachen, einen Kälberstall auszumisten oder das Siphon von einem Waschbecken zu reinigen.
Indem ich mich souverän auch diesem Routineelement des Alltags stelle, mit geradem Rücken und fest in meinen Werten verankert, komme ich meinem Ziel, dass es mir und den anderen gut gehen möge, einen Schritt näher. Streiten ist dann kein Katastrophenmanagement, sondern ein Baustein auf dem Weg, mein Ziel zu erreichen.
Auf diese Weise tue ich für die Beziehungen, für die ganze Familie und den Betrieb etwas Gutes und Wertvolles. Das mag zu Beginn, wenn man diese konstruktive Streithaltung anfängt zu erlernen, nicht immer gleich gelingen. Was aber zählt, ist die Haltung und die Absicht.
Übernehme ich die Herrschaft über mich als Streitender mit der festen Ziel, so konstruktiv und respektvoll zu streiten, wie es mir in diesem Moment gelingt, ergibt das nicht nur den besseren Streit, es nährt auch meine Würde. Und mein Umfeld profitiert ebenfalls davon.
Darauf darf ich zurecht stolz sein!

Ungewohnt bedeutet nicht unwirksam.

Gutes Streiten ist auch eine Frage von Methode und Technik. Da wir das aber alle nicht systematisch erlernt haben, weder in der Schule noch danach, mag uns das eine oder andere komisch vorkommen.
Na und?
Wir alle haben uns angeeignet, dass wenn wir in einem Bogen rückwärts nach rechts fahren wollen, dass wir zunächst mit der rechten Hand einen Hebel bewegen, während die Füße tretende Bewegungen vollziehen und die linke Hand ein Rad nach rechts dreht. Dieser Vorgang ist, wenn wir es nicht gewohnt wären, dass es funktioniert, nicht erklärbar und völlig komisch. Wieso sitzen wir durch einen Gurt gefesselt in einem Stuhl, verdrehen gänzlich den Oberköper, während Hände und Beine völlig unzusammenhängende Bewegungen machen, um uns nach rechts hinten fortzubewegen?
Ich schreibe das so ausführlich, weil es Methoden und Techniken eines konstruktiven Streites gibt, die uns, solange wir nicht an sie gewohnt sind und die Erfahrung gemacht haben, dass sie genau zu dem führen, wohin sie führen sollen, dass diese Methoden zunächst unverständlich und komisch wirken können. Wie aber das Beispiel des Rückwärtsfahrens gezeigt hat, ob etwas in sich schlüssig oder frei von komplexer Skurrilität ist, sollte nicht das Kriterium dafür sein, es zu tun, sondern ob es zielführend ist und funktioniert.

Die Geschichte mit dem Eimer

Wenn also mein Gegenüber mit hochrotem Kopf und schmutzigen Arbeitsschuhen in die frisch gewischte Küche poltert, um mir lauthals Schallwellen entgegenzuwerfen („Wo hast du den Eimer hingetan, den ich mir gestern extra zurechtgelegt habe? Mich kotzt das an, wenn mir die Sachen, die ich mir zurechtlege, weggenommen werden! Ich kann so nicht arbeiten!“), kann ich als souveräner Streiter antworten:
„Du suchst einen bestimmten Eimer? Das ist ärgerlich, wenn man sich etwas zurechtgelegt hat, und das ist dann nicht mehr da. Das kann ich verstehen.
Auf der Sach-Ebene kann ich dir nicht weiterhelfen. Ich weiß nicht, um welchen Eimer es genau geht und wo der sein könnte. Ich habe heute keine Eimer in der Hand gehabt. Wie kommst du darauf, dass ich es sein könnte? Vielleicht fragst du auch deinen Vater, der hat vorhin angefangen, die Regenrinnen sauber zu machen.
Auf der Beziehungs-Ebene verletzt es mich, wenn du mir vorwirfst, ich wäre dafür verantwortlich, dass du deine Arbeit nicht ausführen kannst. Hast du das so gemeint?
Auf der Persönlichkeits-Ebene fühle ich mich missachtet und nicht wertgeschätzt, denn ich habe gerade die Küche gewischt und du kommst mit schmutzigen Schuhen herein. Meine Arbeit von eben ist damit umsonst.
Auf der Appell-Ebene frage ich mich, ob du jetzt möchtest, dass ich alles stehen und liegen lasse und mit dir den Eimer suche?“

Streitet euch stark!

Ein konstruktiver Streit soll nicht nur als Ergebnis, wenn der Staub sich gelegt hat und die Wunden versorgt sind, den Überlebenden ein Gefühl der Stärke suggerieren. Nein, ein gut geführter konstruktiver Streit soll, auch wenn es unterwegs nicht schön oder unangenehm ist, schon während des Streitens Würde und Stärke vermitteln. Wie man geht so kommt man an.
Soll ein Streit im Ergebnis respektvoll und wertschätzend sein, so muss wertschätzen und respektvoll gestritten werden. Dies zu entscheiden, obliegt jedem Streitenden selbst, indem er oder sie die Herrschaft über sich als Streitender oder Streitende übernimmt. So wird er oder sie, egal wie das Gegenüber sich verhält, respektvoll und wertschätzend streiten, von Anfang an.
Ein guter Streit macht die Streitpartner stark.

Anleitung zum guten Streiten

Das Ganze mag jetzt idealisiert klingen und den Streit überhöhen. Ein Streit bleibt meistens unangenehm und tut oft weh. Aber ein guter Streit ist viel mehr und erfüllt einen großen Nutzen.
Wie das genau geht, das steht in meinem neuesten Buch: „Handbuch Konstruktives Streiten“, das frisch erschienen ist. Da wird das anhand eines konkreten Plans erläutert. Viele Beispielen und Geschichten machen es nachvollziehbar und verständlich.

Zum “Handbuch Konstruktives Streiten“.

 

Streitet euch gut in eurem Familienbetrieb!

Peter Jantsch

 

 

Foto: Pexels (smart production)

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